Dabei geht es in meinem Oeuvre um Zusammenhänge von Realität und Traum, von Bewusstsein und Unbewussten, Banalität und Magie oder eben auch Außen und Innen; aber immer, dies ein Spezifikum, um eine in sich bewegliche Form. Gestalthaftes und dessen ständige Verwandlung muss malerischen Ausdruck finden. Dies geschieht auf dem Fundament der Postmoderne, in der sich das Denken und Gestalten in polyfokaler Offenheit vollzieht. Vielleicht berühren sich gerade in dieser Hinsicht die Handlungsmuster der griechischen Mythologie und der Jetztzeit am innigsten. Auch in meiner Malerei handelt es sich um selbstgesponnene Bedeutungsgewebe, die sich in überlagernden Figuren spiegeln; dies geschieht in einer figürlich- malerischen Expression, in welcher die Oberflächen der Körper und das Spiel des Unsichtbaren in ihnen gezeigt werden. Dem entspricht die Doppeldeutigkeit der mythischen Gestalten, die als Akteure alter Stoffe, Dichtungen und Mythen, in meinen Bildraum treten. Es geht hier nicht um den Blick zurück, um die „Nestwärme“ eines von Entfremdung gereinigten ganzheitlichen Wunschbildes. Während ein Blick zu den Quellen unserer antiken bzw. christlichen Tradition zurückgeht, ist ein anderer, für mich wichtigerer Blick, auf die Gegenwart gerichtet.
Polyfokale Metamorphosen.
Zur Offenheit des Bildraums in der Malerei Henri Deparades seit 2012
Seit 2012 verdichtet sich die Malerei Henri Deparades zu einem vielstimmigen Resonanzraum, in dem Figur, Farbe und Imagination nicht als Illustration eines Stoffes, sondern als energetisches Feld auftreten. Aus dem Kontext des Dresdner Malereinetzes hervorgegangen, behauptet er die Figuration gegen jede Eindeutigkeit: offen, porös, im Prozess. Mythologie fungiert als Aufhänger, als semantisches „Treibgut“, wie der Künstler selbst sagt, das in die Jetztzeit gespült wird. Entscheidend ist nicht der erzählte Mythos, sondern sein Anklang im zeitgenössischen Bewusstsein – Liebe, Gier, Hass, Begehren und Verletzbarkeit als Konstanten, welche die Menschen seit Jahrtausenden unverändert umtreiben.
Henri Deparades Bilder sind keine Nacherzählungen antiker Stoffe, sondern psychische Berichte über die Sonderbarkeiten des Daseins. Das „Ich“ erscheint als Spiegelkabinett, als Ensemble von Erfahrungen, Maximen und Widersprüchen. In dieser Dialektik von Ich und Welt entsteht ein Bedeutungsgewebe, das sich überlagert, überschreibt, übermalt. Linien werden gesetzt, verworfen, neu geführt; Farbzonen schieben sich in transparenten Schichten übereinander. Der Bildraum ist multiperspektivisch aufgebaut – es ist ein imaginärer Innenraum, der zugleich Bühne und Bewusstseinslandschaft.
Exemplarisch lässt sich dies an Daphne (2025) beobachten. Die Figur erscheint nicht als klassisch erstarrte Nymphe, sondern als in Bewegung begriffenes, vibrierendes Körperzeichen in vielerlei Perspektive. Ihr Leib ist in changierenden Grün-, Blau- und Hautttönen modelliert, die an die vegetabile Transformation erinnern; doch nichts ist eindeutig. Übermalungen durchziehen die Oberfläche wie tastende Korrekturen, zeichnerische Einsprengsel rhythmisieren das Inkarnat. Gesicht und Gliedmaßen lösen sich in transluziden Schichten auf, als stünde die Metamorphose zwischen Mensch und Pflanze erst bevor. Einzelne Lorbeerblätter künden von der bevorstehenden Metamorphose, während das ganze Bild von Verzweiflung, Observation und Verfolgung in der heutigen Zeit erzählt. Der Hintergrund ist kein Naturraum, sondern ein fast geometrisch strenges Farbfeld, in dem warme Ocker- und kühle Blauzonen ineinanderdriften. Figur und Raum durchdringen sich, als wäre die Verwandlung eine formale wie existenzielle.
Gerade hier wird die Programmatik deutlich: Offenheit in der Malerei bedeutet für Deparade, das Bild als bewegliche Form zu begreifen. Gestalthaftes ist stets im Übergang. Die mythologische Gestalt ist doppeldeutig – Akteurin eines antiken Narrativs und zugleich Chiffre für gegenwärtige Identitäts- und Beziehungsfragen. In den Figurenbildern seit 2012 wiederholt sich dieses Verfahren in der Malerei Henri Deparades: Überlagerungen erzeugen Vieldeutigkeit, Metaphorik entsteht aus dem malerischen Akt selbst. Farbe ist nicht dekorativ, sondern relational; sie knüpft formale Beziehungen, erzeugt Spannungen, markiert Affekte.
So entfaltet sich ein Werk, das auf dem Fundament postmoderner Polyfokalität steht, ohne in Beliebigkeit zu kippen. Deparades Malerei insistiert auf dem „Gesamtklang der Welt“, der im Bild aus sich herausgestellt wird – als vibrierendes Geflecht aus Traum und Realität, Alltag und Geheimnis. Die griechische Mythologie berührt hier die Gegenwart nicht nostalgisch, sondern im Modus der existenziellen Dringlichkeit. In dieser prozesshaften Figuration und der Aneignung in seiner ganz eigenen, unverwechselbaren Bildsprache liegt die eigentliche Zeitgenossenschaft von Henri Deparades Œuvres.
Dr. phil. Sara Tröster Klemm, Zürich 2025